F O R D E R U N G E N T H E A T E R B E T R I E B E O H N E E I G E N E S P I E L S T Ä T T E
Die durch das Kulturamt geplante Umstrukturierung der Förderarchitektur sieht vor, dass Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte von der Konzeptionsförderung ausgeschlossen werden. Stattdessen können sie sich zukünftig auf die vierjährige Projektförderung bewerben, welche bei 40.000 € gedeckelt sein wird und in der momentan nur geringe und nur projektbezogene Betriebskosten (max. 50 %, höchstens 2000,00 €) abgerechnet werden können. Das bestehende Theaterförderkonzept erkennt jedoch ausdrücklich die strukturelle Gleichwertigkeit von Theaterhäusern und Theaterbetrieben ohne eigene Spielstätte an.
Die vielfältigen, historisch gewachsenen künstlerischen Ausdrucks- und Produktionsformen der Freien Theaterszene leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur kulturellen Infrastruktur der Stadt Köln. Die Produktionsrealitäten erfordern Förderinstrumente, die das ganzjährige Arbeiten der Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte anerkennen und gewährleisten.
Angesichts der angedachten Änderungen im Theaterförderkonzept sehen wir dringenden Handlungsbedarf. Durch das Verschieben der beiden Gruppen in die mehrjährige Projektförderung entsteht ein finanzieller Fördermehrbedarf. Um Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte zu stabilisieren und krisensicher aufzustellen, erheben wir folgende Forderungen:
Sofortmaßnahmen:
- Aufstockung um 250.000 € in der vierjährigen Projektförderung, damit neben den zwei Gruppen, die voraussichtlich aus der Konzeptionsförderung zur vierjährigen Projektförderung dazukommen werden, auch die bisherigen 13 Gruppen weiterhin gefördert werden bzw. auch weitere Gruppen aufgenommen werden können. Zudem trägt die Summe den gestiegenen Mindesthonoraren in Bund und Land Rechnung und versucht diese abzubilden.
- Die Fördermittel der zwei aus der Konzeptionsförderung fallenden Gruppen (130.000 €) sollen in die mehrjährige Projektförderung verschoben werden, um diesen Mehrbedarf abzufedern.
- keine Deckelung der Organisationskosten
Darüber hinaus gehende perspektivische Maßnahmen:
- Ausbau der Förderarchitektur
- Neuer Konzeptionsfördertopf/Betriebskostenzuschuss für Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte mit neuen Geldern nicht gedeckelt auf 40.000 €
- Vierjährige Projektförderung bleibt bestehen
- Abbildung der Honorarmatrix des Landes/Bundes in den Förderhöhen
- Angemessene Förderhöhe, Anpassung an andere Großstädte (Vergleich München/Berlin/Hamburg) durch das Kulturamt zu evaluieren
- Einführung einer Zweijährigen Projektförderung für Nachwuchs
- Ausarbeitung des Theaterförderkonzepts/der Förderarchitektur mit aktiver Beteiligung der freien Szene
- Abbildung der Berufserfahrung/Expertise in den Honoraren mit klarer Staffelung nach Alter und Erfahrung und Perspektiven der sozialen Absicherung
Zur Bedeutung und zu den Interessen der Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte in Köln
Beitrag zum Theaterförderkonzept der Stadt Köln
1. Ausgangslage
Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte – darunter Freie Gruppen, Freie Ensembles und Kollektive – sind ein zentraler Bestandteil der Kölner Theaterlandschaft. Trotz ihrer erheblichen künstlerischen, strukturellen und kulturpolitischen Leistungen werden sie bislang (mit wenigen Ausnahmen) strukturell unterbewertet und unzureichend in langfristige Förder- und Entwicklungsstrategien einbezogen.
Entgegen der verbreiteten Annahme handelt es sich bei diesen Betrieben nicht um lose, projektbasierte Zusammenschlüsse, sondern um ganzjährig arbeitende, professionell organisierte Theaterbetriebe. Ihre Arbeitsweise, ihr organisatorischer Aufwand und ihre Verantwortung entsprechen in weiten Teilen institutionellen Strukturen – allerdings ohne eigene Spielstätte und ohne entsprechende strukturelle Absicherung.
2. Bedeutung für die Kölner Theaterlandschaft
Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte erfüllen eine zentrale Funktion innerhalb der lokalen, regionalen und überregionalen Theaterökologie:
- Sie sind Motoren der künstlerischen Innovation, der Spartenöffnung und der ästhetischen Weiterentwicklung.
- Sie tragen maßgeblich zur Vernetzung innerhalb Kölns sowie auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene bei.
- Sie beschäftigen kontinuierlich eine Vielzahl professioneller Akteur:innen, u. a. Schauspieler:innen, Tänzer:innen, Dramaturg:innen, Regisseur:innen, Bühnen- und Kostümbildner:innen, Artist:innen, Visual Artists, Komponist:innen, Inklusionsdramaturg:innen sowie Regieassistenzen.
- Sie prägen die Spielpläne vieler Kölner Häuser entscheidend mit und sind damit aktive wie unverzichtbare Mitgestalter:innen des städtischen Theater- und Kulturangebots.
Ohne diese Betriebe wäre die Vielfalt, Reichweite und gesellschaftliche Relevanz der Kölner Theaterlandschaft in ihrer heutigen Form nicht denkbar.
3. Leistungen und Aufgabenprofile
Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte erbringen dauerhaft Leistungen, die weit über einzelne Produktionen hinausgehen. Dazu zählen insbesondere:
- Booking, Akquise und Touring Planung und Organisation von Gastspielen, häufig in mehreren Städten und Regionen gleichzeitig
- Langfristige Spielzeit- und Produktionsplanung Detaillierte Planungen über mehrere Jahre hinweg
- Spartenübergreifende Angebote Arbeit an der Schnittstelle von Schauspiel, Tanz, Performance, Musik, Zirkus, Bildender Kunst u. a.
- Infrastrukturmanagement Anmietung und Verwaltung von Proberäumen, Lagerflächen, Büroräumen sowie temporären Spielstätten
- Ganzjährige Personalführung Künstlerische und administrative Leitung, Koordination freier Mitarbeitender
- Ganzjährige Finanzbuchhaltung und Administration Abrechnung komplexer Förderstrukturen, Vertragswesen, Controlling
- Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation Social Media, Pressearbeit, Publikumsentwicklung
- Inklusion, Teilhabe und Diversität Entwicklung und Umsetzung inklusiver Arbeitsweisen und Angebote, Fortbildungen, barrierearme Zugänge
- Bespielung alternativer Orte Öffentlicher Raum, kunstferne Orte, Leerstände, Galerien, Museen und soziale Räume
Diese Leistungen stellen eine dauerhafte strukturelle Arbeit dar und sind Voraussetzung für nachhaltige künstlerische Qualität und gesellschaftliche Wirkung.
4. Strukturelle Herausforderungen und Overhead
Für eine verlässliche und nachhaltige Arbeit benötigen Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte dauerhafte Strukturen, die den realen administrativen und organisatorischen Aufwand abbilden.
Der notwendige Overhead – insbesondere für Organisation, Verwaltung, Kommunikation, Personalführung und strategische Entwicklung – ist aktuell nicht ausreichend förderfähig abgebildet. Um langfristige Planungsperspektiven zu ermöglichen, müssen diese strukturellen Leistungen:
- als förderfähiger Bestandteil mehrjähriger Projekt- und Konzeptionsförderungen anerkannt werden,
- transparent und realistisch in Kosten- und Finanzierungsplänen angesetzt und abgerechnet werden können.
Ohne diese Absicherung besteht die Gefahr struktureller Selbstausbeutung und einer Schwächung der gesamten Freien Szene.
5. Kulturpolitische Perspektive
Die Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte brauchen:
- Anerkennung als dauerhaft arbeitende Theaterbetriebe mit institutionellem Charakter ohne eigene Spielstätte.
- Berücksichtigung in langfristigen kulturpolitischen Planungen der Stadt Köln und des Kulturamts.
- Strukturelle Förderinstrumente, die Overhead, Administration und langfristige Entwicklungsarbeit angemessen abbilden.
- Planungssicherheit durch mehrjährige Förderformate, die künstlerische und organisatorische Kontinuität ermöglichen.
6. Strukturleistung und verdeckte Eigenleistungen
Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte erbringen erhebliche strukturelle Leistungen, die bislang nur unzureichend oder gar nicht finanziell abgebildet werden. Im Organisations- und Verwaltungsbereich wird pro Betrieb im Durchschnitt der Gegenwert von ca. 1,5 Vollzeitstellen dauerhaft ehrenamtlich bzw. unvergütet geleistet. Dies entspricht einer nicht refinanzierten Arbeitsleistung von ca 80.000 bis 90.000 Euro pro Jahr und Ensemble.
Diese verdeckten Eigenleistungen umfassen unter anderem:
- Antragstellung, Abrechnung und Verwendungsnachweise für kommunale, Landes- und Bundesförderungen
- Akquise von Fördermitteln, Spielorten, Gastspielen und Wiederaufnahmen
- Öffentlichkeitsarbeit, Pressearbeit und Publikumsentwicklung
- Administration, Vertragswesen und Finanzbuchhaltung
- Personalführung sowie Betreuung von Künstler:innen und Mitarbeitenden
- Spielzeit-, Produktions- und Touringplanung
- Thematische und künstlerische Konzeptentwicklung
- Regionale, überregionale und internationale Netzwerkarbeit
- Dokumentation und Archivierung der Produktionen (Text, Foto, Video; online und intern)
- Pflege und Weiterentwicklung von Websites und digitalen Plattformen
Hinzu kommen laufende Sachkosten zur Aufrechterhaltung der Betriebsstruktur, die in der Regel nicht refinanziert werden können. Arbeitsräume, Lagerflächen, technische Ausstattung (z. B. Laptops, Beamer) sowie Büroräume werden häufig privat, unentgeltlich oder unter prekären Bedingungen bereitgestellt.
Obwohl diese administrativen und strukturellen Leistungen eine Grundvoraussetzung für professionelles Arbeiten darstellen, sind sie bislang in vielen Förderformaten nicht oder nur sehr eingeschränkt abrechenbar.
7. Förderlogik: Strukturelle Realität anerkennen
Die bestehende Förderlogik steht in einem deutlichen Missverhältnis zur tatsächlichen Arbeitsrealität der Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte. Von den Gruppen wird eine hochprofessionelle Antragstellung, Abrechnung und Organisationsstruktur erwartet – ohne dass die dafür notwendigen personellen und finanziellen Ressourcen systematisch abgesichert sind.
Institutionelle, konzeptionelle und mehrjährige Förderformate für freie Theaterbetriebe sollten daher:
- die Abrechnung administrativer, organisatorischer und struktureller Kosten ausdrücklich ermöglichen,
- in ihrer Höhe deutlich angepasst werden, um reale Betriebs- und Personalkosten abzudecken.
Ein zukunftsfähiges Fördermodell für die freie Theaterlandschaft in Köln sollte folgende Elemente enthalten:
- Konzeptionsförderung zur künstlerischen und strukturellen Weiterentwicklung
- Mehrjährige Förderungen (idealerweise vier Jahre) zur Sicherung von Kontinuität, Qualität und Planungssicherheit
- Zweijährige Förderungen als Zwischenschritt zur Professionalisierung und strukturellen Stabilisierung
- Einjährige Förderungen für Nachwuchsgruppen und neue Zusammenschlüsse
- Verlässliche Planbarkeit durch transparente Fristen, klare Entscheidungszeitpunkte und rechtzeitige Förderzusagen
- Die institutionelle Förderung freier Gruppen sollte ein mittelfristiges Ziel der Kulturpolitik sein
Nur so kann die Diskrepanz zwischen erwarteter Professionalität und realer Finanzierung nachhaltig aufgelöst werden.
8. Kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung für Köln
Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte leisten einen entscheidenden Beitrag zur kulturellen Ausstrahlung und Profilbildung der Stadt Köln:
- Ein Großteil der regionalen und überregionalen Auszeichnungen im Bereich der freien darstellenden Künste geht an Theaterbetriebe ohne feste Spielstätte. Das daraus resultierende Renommee wird häufig den Spielorten zugeschrieben, während Produktionsverantwortung und Kosten bei den Gruppen liegen.
- Freie Gruppen stärken Theaterhäuser strukturell, unter anderem durch Mietzahlungen für Spiel- und Probenräume (faktische Doppelförderung).
- Sie prägen die Spielpläne mit innovativen, vielfältigen und risikobereiten Programmen.
- Sie bringen Theater in alle Stadtteile Kölns und erreichen ein äußerst diverses Publikum.
- Sie stehen für eine große ästhetische und inhaltliche Bandbreite – von experimenteller Performance bis zu literarisch-stückbasiertem Theater.
- Durch die Bespielung des öffentlichen Raums sowie sogenannter „kunstfremder“ Orte (z. B. Leerstände, soziale Räume) entstehen eigenständige künstlerische Formate und neue Formen der Publikumsansprache.
- Themen wie Teilhabe, Inklusion und Diversität sind integraler Bestandteil der Arbeitsweisen.
- Sie beschäftigen und vernetzen Kölner Künstler:innen regional wie überregional und schärfen damit auch die Profile etablierter Häuser.
- Sie binden überregionale Künstler:innen dauerhaft an den Standort Köln.
Darüber hinaus entwickeln viele Theaterbetriebe zahlreiche Angebote über den reinen Spielbetrieb hinaus, darunter:
- Workshops, Vermittlungsformate, Nachgespräche und Einführungen
- Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und nicht-professionellen Teilnehmenden
- Podcasts, Ausstellungen und diskursive Formate
9. Wirtschaftlicher Effekt, Hebelwirkung und Umwegrentabilität
Freie Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte sind in hohem Maße erfolgreich in der Einwerbung überregionaler Fördermittel (Land, Bund, Stiftungen). Diese Mittel fließen nach Köln und werden überwiegend vor Ort ausgegeben – für Honorare, Mieten, Technik, Dienstleistungen und Kooperationen.
Jeder Euro kommunaler Förderung entfaltet dabei eine erhebliche Hebelwirkung. Schätzungen gehen von einem Multiplikationsfaktor von bis zu 1:4 aus.
Zusätzlich betreiben viele Gruppen eigene Fördervereine sowie intensive Drittmittelakquise, um ihre Arbeit überhaupt aufrechterhalten zu können. Die kommunale Förderung wirkt somit nicht nur als Grundfinanzierung, sondern als entscheidender Auslöser weiterer Investitionen in den Kulturstandort Köln.
Nicht außer Acht zu lassen ist auch die Umwegrentabilität, welche die Kölner Kulturszene und gerade auch die Freien Künste für Köln erzeugt. Gerade die diverse lebhafte Freie Szene ist ein ausschlaggebender Faktor für die Attraktivität von Köln. Das Publikum, welches die Veranstaltungen besucht, geht rund um den Theaterbesuch essen und trinken, nutzt den Theaterbesuch in der Stadt zum vorherigen Einkauf und übernachtet vielleicht sogar. Das heißt auch hier: Jeder Euro, den die Stadt gerade in die Freie Szene investiert, fließt an anderer Stelle wieder in die Stadt zurück.
10 Fazit: Die Stadt Köln als Schlüsselpartner
Die Stadt Köln bildet die Grundlage für all diese Leistungen. Ohne eine verlässliche strukturelle Förderung können weder künstlerische Qualität noch langfristige Entwicklungsperspektiven und überregionale Sichtbarkeit gesichert werden.
Gerade weil freie Theaterbetriebe Köln weit über die Stadtgrenzen hinaus repräsentieren, ist die Stadt ihr zentraler Partner – für Bestandssicherung, Weiterentwicklung und nachhaltige Vernetzung. Die Zukunftsfähigkeit der Kölner Theaterlandschaft hängt maßgeblich davon ab, ob die Stadt Köln die strukturelle Realität der Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte anerkennt und entsprechend handelt. Ihre Arbeit ist unverzichtbar für künstlerische Vielfalt, gesellschaftliche Teilhabe und die überregionale Sichtbarkeit Kölns als Theaterstadt.
Hinzu kommt, dass die Theaterbetriebe in den vergangenen Förderjahren – wie alle kulturellen Einrichtungen – erhebliche Kostensteigerungen zu bewältigen hatten. Bedingt durch Rezession, steigende Energie- und Mietkosten, allgemeine Teuerungsraten sowie Inflation sind die Betriebskosten um mindestens ein Viertel gestiegen. Diese Entwicklung wurde in den bestehenden Förderhöhen bislang nicht ausreichend abgebildet und verschärft die ohnehin prekäre strukturelle Situation der Betriebe erheblich.
Eine nachhaltige Theaterförderung muss Theaterbetriebe ohne eigene Spielstätte daher nicht als Ausnahme, sondern als integralen Bestandteil der kulturellen Infrastruktur begreifen. Eine stärkere strukturelle Anerkennung bedeutet nicht nur Wertschätzung, sondern ist eine notwendige Investition in die Zukunftsfähigkeit der gesamten kulturellen Szene Kölns.